Bilharz-Ärztehaus

Ein Haus am Leopoldsplatz im Wandel der Zeit

Das um 1810 erbaute Eckhaus am Leopoldplatz ist das Geburtshaus der berühmten Gebrüder Theodor und Alfons Bilharz.

Theodor Bilharz wurde als Ältester von neun Kindern des späteren Hofkammerrats Josef Anton Bilharz (1788-1877) und dessen Ehefrau EIsa, geb. Fehr, am 25. März 1825 geboren. Nach dem Besuch des Sigmaringer Gymnasiums studierte er 1844/45 zunächst Philosophie an der Universität Freiburg. Danach wechselte er an die Universität Tübingen, um sich ganz dem Studium der Medizin zu widmen. 1846 löste er dort die Preisaufgabe »Darstellung des gegenwärtigen Zustandes unserer Kenntnisse vom Blut der wirbellosen Tiere« als Bester. 1849 bestand er die medizinische Staatsprüfung. 1850 folgte er seinem Tübinger Lehrer Griesinger als Assistent nach Kairo, wo er eine rege Forschertätigkeit entwickelte. Inzwischen zum Professor für Anatomie an der Medizinschule in Kairo avanciert, entdeckte er den Erreger der damals Afrika heimsuchenden Krankheit der Blutharnruhr, die dann nach ihm »Bilharziose« genannt wurde; durch diese Entdeckung sicherte sich Theodor Bilharz einen Platz in der Reihe der großen Ärzte und Entdecker der Menschheit. Der hoch geehrte Arzt und Forscher starb, an Typhus erkrankt, bereits am 9. Mai 1862 in Kairo. (Theodor Bilharz (1825-1862))

 

 

Der jüngere Bruder, Alfons Bilharz, geboren am 2. Mai 1836, studierte nach dem Besuch des Sigmaringer Gymnasiums zuerst Naturwissenschaften an der Universität Freiburg und wandte sich danach wie sein Bruder dem Medizinstudium (Promotion 1859 in Berlin) zu. Nach einem Besuch bei seinem Bruder in Kairo und einer dreizehnjährigen praktischen ärztlichen Tätigkeit in Nordamerika nahm er 1882 die Stelle des ärztlichen Direktors am Fürst- Karl- Landeskrankenhaus in seiner Vaterstadt an, die er bis zu seiner Pensionierung 1907 innehatte. Neben medizinischen Abhandlungen legte Alfons Bilharz eine Reihe philosophischer Werke vor. Der weit über Hohenzollern hinaus berühmte und geachtete »Arzt und Philosoph« starb am 23. Mai 1925 in Sigmaringen.

 

An die beiden großen Söhne der Stadt erinnern in Sigmaringen heute die seit 1961 in ihrem Elternhaus befindliche Bilharz- Apotheke, die Bilharzschule und die Bilharzstraße.Das ursprünglich sehr bescheidene 1810 erbaute Bilharzhaus wurde 1955 aufgestockt. Im Jahre 1961 wurde das Gebäude Antonstr. 1 durch die Nichte von Theodor – Margarete Bilharz – an den praktischen Arzt Dr. M. Daikeler veräußert. Die im Jahre 1961 Jahre eingerichtete Apotheke erhielt den Namen Bilharz-Apotheke. Dr. M. Daikeler praktizierte zunächst im Hause, später bis 1982 in einem Anbau und der alten Remise des Hauses in Richtung Josefinenstift.Im Jahre 1983 wurde seine Praxis von Dr. Hans-Joachim Zotzmann, Facharzt für Allgemeinmedizin, übernommen. Dieser konnte 1989 das Haus Antonstr. 1 erwerben. Es folgte 1992 ein weiterer Umbau mit Aufstockung des Bilharzgebäudes. Im Jahre 1993 wurde der südlich gelegene Neubau fertiggestellt. Vorgesehen war bereits damals eine enge Kooperation durch die räumliche Nähe der im Haus befindlichen verschiedenen Facharzt-Praxen.

So befinden sich jetzt die verschiedenen Fachrichtungen im Hause. Im Erdgeschoss ist eine Apotheke, die Bilharz-Apotheke und ab 2010 ein Fachgeschäft für Bio-Kost im Hause. Im 1. OG befindet sich die Praxis für Allgemeinmedizin, eine Praxis für Gynäkologie sowie eine Praxis für Physiotherapie u. Osteopathie, eine Augenärztliche Praxis ist im 2. OG. sowie im 3. OG eine Praxis für Psychotherapie und psychologische Betreuung.

 

150 Jahre Bilharziose

Theodor Bilharz entdeckt 1852 den Erreger der urogenitalen Schistosomiasis

  1. Knobloch

Gegen Ende des vergangenen Jahres habe ich die naturwissenschaftliche Literatur daraufhin untersucht, ob man sich vielleicht an Bilharz erinnert hat, der vor 150 Jahren erstmalig einen Erreger der später nach ihm benannten Krankheit entdeckt hat. Ich fand allerdings nur eine indische Publikation über seinen 100. Todes­tag vor 40 Jahren, an dem die ägypti­sche Post eine Sondermarke heraus­gegeben hatte [1].  Auch für das wenig geschichtsbewusste Zeitalter, in dem wir offenbar leben, fand ich die Ausbeute kläglich, zumal Bilharz mit dem Werk seines kurzen Lebens an eine sehr erfolgreiche Periode der deutschen Naturwissenschaft er­innert, in der die Forschungsvor­haben mehr durch die Genialität ein­zelner Persönlichkeiten als durch Evaluationsgremien geprägt wurden.

Theodor Maximilian Bilharz wird am 23. März 1825 in Sigmaringen gebo­ren. Bereits als Schüler von 1836 bis 1843 interessiert er sich für die be­lebte Natur in entomologischen Stu­dien. Nach Abschluss der Schulzeit am Fürstlich Sigmaringer Gymnasium hört er von 1843 bis 1845 vorklini­sche Vorlesungen an der Universität Freiburg und studiert anschließend bis 1849 Medizin in Tübingen. Dort wird er 1847 Preisträger der Medizi­nischen Fakultät mit einer Arbeit über das Blut wirbelloser Tiere. Die Medizi­nische Staatsprüfung legt er in Sig­maringen ab, studiert anschließend in Freiburg die vergleichende Anatomie wirbelloser Tiere und promoviert 1850 zum Dr. med. in Tübingen.

Mit 26 folgt er dem als Direktor des ägyptischen Medizinalwesens beru­fenen Wilhelm Griesinger nach Kai­ro, wird Assistenz- und schließlich Chefarzt an verschiedenen Kairoer Krankenhäusern. Er betätigt sich zu­dem als Lehrer der Medizinischen Hochschule, seit 1855 als Professor und Major, und arbeitet weiterhin wissenschaftlich. So verfasst er 1857 ein viel beachtetes Werk über das elektrische Organ des Zitteraals.

Besonders macht er sich aber als Hel­minthologe verdient. So beschreibt er schon 1851 in brieflichen Mitteilun­gen einen Wurm, den er Distomum haematobium nennt und in einer wis­senschaftlichen Publikation von 1852 als doppelten Saugwurm charakteri­siert [2], nachdem er den „kopulieren­den Saugwurm“ in Leichen, dessen Eier in Patientenurin und die Larven im Nilwasser nachgewiesen hat [3].

 

Im Jahre 1856 benennt der promi­nente Anatom Heinrich Meckel von Helmsbach dem Entdecker zu Ehren den Wurm Bilharzia haematobia [4]. Für die Bezeichnung des Krank­heitsbildes bürgerte sich nachfol­gend der Begriff „Bilharziose“ ein, der aber seit dem 2. Weltkrieg außerhalb des deutschsprachigen Bereichs zugunsten der Bezeich­nung „Schistosomiasis“ weitgehend aufgegeben wurde. Ebenso wurde die Gattungsbezeichnung Bilharzia durch Schistosoma ersetzt, sodass der Erreger der urogenitalen Schis­tosomiasis heute Schistosoma hae­matobium genannt wird.

Am 9. Mai 1862 stirbt Bilharz 37­jährig auf der Rückreise nach Kairo, nachdem er eine Reise mit Herzog Ernst II von Sachsen Coburg-Gotha als Leibarzt für dessen Ehefrau an das Rote Meer nach Massaua, Eritrea, unternommen hat. Frau von Coburg-Gotha kehrt gesund zurück, ihr Arzt aber erkrankt tödlich [3].

In Sigmaringen erinnert u. a. noch ein nach ihm benanntes Gymnasium an Bilharz, in Kairo das Bilharz Institute, in dem u. a. noch vollständige Schis­tosoma haematobium-Zyklen zur Herstellung von Laborreagenzien gehalten werden.

Auch wir wollen uns an Theodor Bilharz als einen außergewöhnlichen Tropenarzt er­innern, der als einer der Ersten die naturwissenschaftlich begründete Infektiologie vertreten hat.

Literatur

[1]    Pai-Dhungat JV. Theodor Bilharz (1825-1862). Postal stamp released in Egypt, 1962. lssued on  his 100 th death anniversary. J Assoc Physicians India. 2002;50:1047.  [2]  Anonymus.Theodor M. Bilharz. ency­cloMedica. Medizinische Datenbank. Ur­ban und Fischer,   München 2002.   [3] Thulesius O.     DerTod am Nil.Die Lebens­geschichte von Theodor Bilharz 1825­1862. Unveröffentlichte Biographie 2001. [4]  Anonymus. Bilharz,Theodor Maximili­an. Lexikon der Biologie. Spektrum Aka­demischer Verlag,    Heidelberg 1998

 

Prof. Dr. Jürgen Knobloch

Institut für Tropenmedizin Universitätsklinikum Tübingen

Keplerstr. 15,72074 Tübingen